Simmentaler Rind – überlegene Qualität oder reines Marketing?

Simmentaler Rinder – das dürfte für viele Verbraucher nach Tieren klingen, die auf saftigen Weiden an frischer Luft grasen und deren Fleisch durch die verzehrten Bergkräuter womöglich besonders schmackhaft ist. Immerhin zählt das idyllisch gelegene und in vielen Teilen noch sehr naturbelassen wirkende Simmental zu einem der beliebtesten touristischen Ausflugsziele im Berner Oberland. Doch stimmt das wirklich und was zeichnet diese Tiere und ihr Fleisch im Besonderen aus?

Was hat es mit der Bezeichnung auf sich?

In Deutschland und Österreich verweist der Name Simmentaler Rind – oft auch kurz Simmentaler oder weniger poetisch Fleckvieh genannt – auf eine bestimmte Hausrindrasse. Die Bezeichnung selbst ist historisch bedingt. Die eigentliche Heimat der Tierrasse soll sich nämlich im Berner Oberland bzw. im Simmental befinden. Dort haben die Einheimischen diese Art von Rindern bereits im frühen Mittelalter die gescheckten und überdurchschnittlich großen Rinder gezüchtet. Vor etwa 180 Jahren importierten Bauern das Fleckvieh dann zwecks eigener Zuchtvorhaben auch in mehrere deutsche Regionen. Schwerpunkte lagen dabei in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen.

Sind Simmentaler denn eine besonders exklusive Hausrindrasse?

Klare Antwort: nein. Simmentaler zählen mit mehr als 40 Millionen Exemplaren sogar weltweit zu den am häufigsten anzutreffenden Rinderrassen. Beliebt war und ist das Fleckvieh besonders in Bayern, wo es mehr Rinder als irgendwo sonst in Deutschland gibt. Dort lag der Bestand im Jahr 2016 alleine schon bei rund 2,5 Millionen Tieren.(1)

Warum sind Simmentaler so stark verbreitet?

Das hat viele Gründe. So handelt es sich beim Simmentaler Fleckvieh etwa um eine Zweinutzungsrasse. Das bedeutet, dass die Tiere nicht nur für die Fleischproduktion, sondern auch für die Milchgewinnung gut geeignet sind. Als sogenanntes Fleisch-Fleckvieh ist es besonders im europäischen Raum äußerst beliebt. Das liegt vor allem an den guten Absetzgewichten der Rinder. So sollen Mastbullen dieser Rasse jeden Tag im Durchschnitt satte 1,3 Kilogramm an Gewicht zunehmen. Zudem zeichnet sich das Fleckvieh durch eine überdurchschnittlich hohe Milchleistung aus. Das macht sie nicht nur für die Milchwirtschaft interessant, sondern erleichtert auch die Zucht der Tiere.

Gibt es spezielle Qualitätsrichtlinien für Simmentaler Rinder oder das daraus gewonnenes Fleisch?

Der Terminus Simmentaler bezeichnet – wie oben bereits skizziert – lediglich eine bestimmte Rasse von Hausrindern. Insbesondere handelt es sich bei dem Namen nicht um eine Herkunftsbezeichnung, wie es etwa bei den berühmten Kobe-Rindern der Fall ist. Dementsprechend existieren für das Fleckvieh bzw. das Simmentaler Beef auch keine eigenen, individuell zu erfüllenden Qualitätsstandards.

Wie wurde aus Simmentalern ein vermeintliches Qualitätsprodukt?

Durch gezieltes Marketing. So bewarb der Fast-Food-Riese McDonald´s 2015 erstmals Burger mit Patties aus 100 Prozent Simmentaler Rindfleisch. Nicht nur wer die Werbung und Präsentation vor Ort anschaute, sondern auch wer die dazugehörige Pressemitteilung las, musste den Eindruck bekommen, dass dem Käufer da etwas ganz besonderes erwartete. Denn dort ist nicht nur vom „Rindfleisch einer ganz besonderen Rasse“ zu lesen, sondern auch davon, dass das angeblich von Köchen in ganz Deutschland wieder verstärkt geschätzte „hochwertige Simmentaler Rindfleisch“ bereits Herzog Maximilian in Bayern begeistert haben soll.(2) Was den Herzog begeistert, ist für mich bestimmt gut genug, mag sich da so mancher Käufer gedacht haben. Aber auch andere Verkäufer loben (ihr) Simmentaler Rindfleisch in den höchsten Tönen und preisen es als mild und saftig oder sogar als ein „echter Geheimtipp“ an.(3)

Ist das Simmentaler Rindfleisch jetzt generell schlecht?

Nein. Aber Bezeichnung und Marketing suggerieren für viele Verbraucher eine Qualität, die das Fleisch nicht haben muss. Um das von der Werbung teilweise angepriesene Produkt in Premiumqualität handelt es sich aber in keinem Fall. So erklären Experten etwa, das Fleisch der Simmentaler sei mager – bekanntlich eher ungünstig für Burger und einen vollen Geschmack – und daher eher im Billigpreissegment vertreten.(4) Sicherlich gibt es immer noch Fleckenvieh, das im Simmental saftiges Gras sowie würzige Kräuter verzehrt und dessen Fleisch dadurch ein besonderes Aroma hat. Das meiste Fleckvieh wird aber im Rahmen der Massentierhaltung unter wenig idyllischen Gegebenheiten gehalten.

Quellen:
(1) Vgl. Bayern hat die meisten Rinder (LINK: https://www.agrarheute.com/wochenblatt/feld-stall/tierhaltung/bayern-hat-meisten-rinder-526985)
(2) Vgl. Pressemeldung: McDonald’s Deutschland bietet erstmals Burger aus 100 Prozent Simmentaler Rindfleisch an (LINK: https://www.presseportal.de/pm/52942/2940007)
(3) Vgl. Simmentaler Rind: ein echter Geheimtipp (LINK: https://blog.beilerei.com/simmentaler-rind-ein-echter-geheimtipp)
(4) Vgl. Die Jungbullen-Lüge: Das größte Fleisch-Missverständnis Deutschlands (LINK: http://schlaraffenwelt.de/jungbullen-fleisch/)

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3 comments

  1. 2 Steaks Simmenthaler Dry Age Steaks bei Aldi gekauft, 1/3 war Fett etc. Im rohen Zustand sah das Rundsteak fabelhaft aus. Auf dem Teller lag das nicht essbare im Munde halb Verarbeitete!
    Leider war ich auch von ‚Bester Simmenthaler Wualität ausgegangen. Nie wieder!!

  2. Norbert Schultheis

    Ist schon irgendwie perfide. Im neuen Kauflandprospekt (24.10.21) tauchen auf einer 3/4 Seite vier Angebote aus nachhaltiger Tierhaltung auf. Ein fünftes jedoch, „Simmentaler Färse“, gehört nicht dazu, weil vermutlich aus Massentierhaltung. Die Headline „Qualität aus der Theke“ und die Platzierung neben den vier anderen Angeboten lässt bei einem flüchtigen Leser mit Sicherheit nicht die Frage aufkommen, ob dieses Fleisch auch aus nachhaltiger Tierhaltung besteht.

  3. Danke für diese Aufklärung, denn durch die unverschämt irreführenden Werbeanmutungen der Händler, wird der Verbraucher mal wieder dreist hinters Licht geführt.

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